Holocaustgedenktag

Gedenken – wie geht das?

(gib.) Am Holocaustgedenktag soll man den ermordeten und verfolgten Juden und Menschen gedenken, die in der Zeit des Nationalsozialismus gelitten haben. Doch wie geht das? Wir müssen die Fakten kennen, wir müssen wissen, wie das System funktioniert hat, und wir müssen erschrocken sein über die Möglichkeit solcher Taten in einem vermeintlich zivilisierten Land wie Deutschland. Je weiter die Zeit entfernt ist – und sie ist nur etwas mehr als 90 Jahre her – desto unwirklicher und abstrakter erscheint sie einem jedoch. Zeitzeugen und Zeitzeuginnen können (fast) nicht mehr berichten, die eigenen Groß- bzw. Urgroßeltern kann man auch nicht mehr befragen. Dabei haben wir alle das Gefühl, dass sich wieder sehr undemokratische Zeiten nähern, in denen bisher unvorstellbare Ereignisse erneut geschehen.

Die Schülerinnen und Schüler, die, laut Vorgaben, an diesem Tag gedenken sollen, stehen vor dieser Frage und die Lehrkraft, die dieses Gedenken anleiten soll, ebenfalls.

In Göttingen finden sich an unzähligen Orten Gedenksteine bzw. -tafeln oder Stolpersteine, die an die Gräueltaten erinnern. Im Alltag gehen wir alle meist ohne sie wahrzunehmen an ihnen vorbei. Dabei geht es hier um Dokumente des Alltags: Denn wenn man Stolpersteine in der Stadt findet, dann haben die Juden dort Nachbarschaft gehabt. Sie haben Geschäfte besessen oder in Geschäften gearbeitet, sie hatten Mitschülerinnen und Mitschüler, Arbeitskollegen und -kolleginnen, usw. Die abgebrannte Synagoge befand sich mitten in der Stadt, in einem dichtbesiedelten Gebiet. So könnte man fortfahren…

Die 10m hat dieses Jahr einen materialgestützten Stadtrundgang mit 9 Stationen zu einem Teil dieser Gedenkstätten gemacht, dort Zeitzeugenberichte oder Informationstexte gelesen und die Gedenkstätten oft zum ersten Mal wahrgenommen. Reaktion einer Schülerin: „Ich wusste gar nicht, wie viele Gedenkorte es in Göttingen gibt!“

Anschließend hatten sie die Aufgabe, aus der Sicht eines Göttinger Bürgers oder einer Göttinger Bürgerin einen Text zu verfassen. In diesem sollte nur davon berichtet werden, dass man die jeweiligen Situationen wahrgenommen hat und welche Gedanken man dabei hatte. Die entstandenen Texte sind sensibel, nicht oberflächlich den damaligen Zeitzeugen Schuld zuschreibend und bieten viel Gesprächsstoff für die folgende Unterrichtszeit.

Einige kurze Zitate aus den verfassten Texten:

„Als ich nach der Schule nach Hause kam, wunderte ich mich, dass die Wohnung neben uns leer stand. Als ich dann meine Eltern fragte, was los sei, sagten sie nur, dass ich in mein Zimmer gehen soll […]. Aber ich frage mich immer noch: Warum hat die Synagoge gebrannt? Warum verschwinden einfach Menschen? Was ist mit Göttingen los?“

„Ich will dir sagen, was das Merkwürdigste und eigentlich Entsetzlichste an der Sache war: Die Feuerwehrmänner waren die ganze Zeit vor Ort und ich mag nicht erkennen, warum, um Himmels Willen, sie nichts unternahmen.“ (zum Synagogenbrand, Station 8)

„[…] heute habe ich vom Fenster gesehen, wie der Nachbarsjunge Ludolf vom SA-Mob im Hinterhof geschlagen wurde. […] Später meinten die Leute, dass er den Mob provoziert habe. Aber ich kann mir dies bei Ludolf nicht vorstellen, er war doch schon immer ein netter, hilfsbereiter, junger Mann. Generell ist die ganze Familie Katz sehr freundlich.“ (Stolpersteine für die Familie Katz, Groner Str. 9, Station 6)

„Eigentlich ist es ja ein normales Wohnhaus, doch ich merke, dass es kein gewöhnlicher Ort mehr ist“ (zum ehemaligen sog. „Judenhaus“ in der Weender Landstraße, Station 1)

„Ich sah, wie sie Bücher verbrannten, die ich einst gelesen hatte und fragte mich still erneut, wieso? Und auch: Wenn sie wüssten, dass ich sie gelesen hatte, was geschähe dann mit mir? Sie würden mich doch wohl nicht auslöschen, wie die Bücher selbst?“

„Zuhause, alleine, in meiner fast leeren Buchhandlung fühlte ich mich nicht in der Lage zu weinen, so, als hätte das Feuer meinen Körper ausgetrocknet.“ (zur Bücherverbrennung am Albaniplatz, Station 5)

„Mir scheint, als würde er die Leute vor etwas schützen, ich meine, wer weiß von uns Mitarbeitern schon, was mit den Leuten genau passiert, die als „unheilbar“ abgestempelt werden; aber was immer es ist, ich glaube, Dr. Ewald ändert ihr Schicksal mit dem, was er tut, oder er versucht es zumindest. […] Dennoch werde ich selbst so tun, als wäre ich unwissend, unabhängig davon, was ich noch herausfinden kann, denn meine Angst, mich öffentlich auf eine Seite zu stellen, ist zu groß. Ich will mich und meine Familie nicht gefährden.“  (Prof. Dr. Ewald, Oberarzt an der Universitäts-Nervenklinik, Gedenktafel für die Opfer der Zwangssterilisationen, Station 2)

Ich glaube, allen Schülerinnen und Schülern ist dabei bewusst geworden, dass damals das Grauen nicht unsichtbar war und man es hätte wahrnehmen können – natürlich nicht in allen Details, aber genug, um nicht behaupten zu können, man habe nichts gewusst. Wenn dieses Bewusstsein an der schlimmsten Epoche der deutschen Geschichte geschärft werden kann, dann kann man die Hoffnung haben, dass sie auch in der Gegenwart Alarmzeichen erkennen werden.

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